Arendt und Privatssphäre

http://www.flickr.com/photos/luiginter/2907015513/

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Das Politische ist das Resultat des Handelns, also etwas zwischenmenschliches, ja abseitig von den Menschen vorhandenes, jedoch nur in ihrem Tun entstehbar. Denn ich bin nur in der Wahrnehmung anderer. Schon Kant erkannte (!) und erarbeitete die Subjektivität und dadurch die Pluralität der Menschen in ihrer Wahrnehmung und somit ihrem Sein. Ich bin, weil ich erscheine war die logische Konsequenz, die unter anderem Hannah Arendt daraus zog (Ja, auch Heidegger, aber der hat von Husserl abgeschrieben und war ein Freund der Nationalsozialisten). Der alte Dualismus zwischen selbstbestimmten Subjekt und objektiver Umgebung wurde aufgehoben und die Menschen als das verstanden was uns oftmals zuwider ist: Produkt von zwischenmenschlicher Wahrnehmung. Nicht zuletzt deswegen ist Anerkennung eine mächtige Währung.

Das Politische entsteht nun im öffentlichen Raum, in dem alle gleichwertig sein müssen, was die Aufgabe der Politik ist, denn der Sinn von Politik ist einen Raum zu schaffen, wo Freiheit entsteht.

Konträr zu der Idee des öffentlichen Raumes steht die Privatsphäre. Dort entsteht Liebe, Freundschaft, Vertrauen, aber auch Zwang. Dieser Raum unterliegt der Geheimhaltung, der freien Gestaltung und darf, nach Arendt, nicht politisiert werden – das Private darf eben nicht zum Politischen erhoben werden! Freiheit in der Privatssphäre ist kein Anliegen des Staates oder der Gesellschaft, sondern Anliegen des Einzelnen. Die Definition der Freiheit im Privaten obliegt dem Betroffenen und ein Rückzug muss diesem immer zur Verfügung stehen.

Der Raum des Öffentlichen, also die Umgebung des Politischen, ist dagegen nicht nur notwendiger Weise im Bewusstsein der Gleichwertigkeit (nicht Gleichartigkeit!) der Beteiligten, sondern auch absolut zugänglich, sowohl informationell, als auch physikalisch.

Arendt bedient sich zur Veranbschaulichung dieser Teilung der griechischen Polis: Der attische Bürger war gleich in der agora, dem Ort der politischen Auseinandersetzung in der Polis, war ebenbürtig und dadurch frei. Im oikos, dem privaten Heim, war er, der Tyrann über Frau, Kinder und Sklaven, dagegen nicht frei, da er nicht ebenbürtig auftreten konnte. Herrschaft und Unterdrückung bedeuten eben nicht automatisch Freiheit, ganz im Gegenteil ist der Mensch nur unter Freien gleich, dann nur unter Gleichen kann er frei reden. Und nur wenn er frei reden kann, kann er vertrauen. Dann jedoch ist er erst wirklich frei.

Ein Rückzug ins Private muss immer möglich sein, bedeutet jedoch keinen Einfluss auf das Öffentliche haben zu können.


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Deutschland und Kulturnation

Lieber Thilo,

nun gebe ich dir auch einmal Aufmerksamkeit. Ich duze dich, denn ich denke, dass du mich mögen wirst, schließlich bin ich angeblich intelligent und wohl erzogen worden – in deutsch. Und ich bin getauft worden. Sogar christlich.  Mein dunkelblondes, halbblauäugiges Wesen schlägt gerade auch eine Namensänderung in Gottholde vor. Deiner Zuneigung muss ich mir so sicher sein, richtig, lieber Thilo? Soll ich mir vielleicht noch Zöpfe flechten? Ach, Thilo, du würdest mich bezaubernd finden!

Ich habe dein Buch nicht gelesen und werde das auch nicht tun – lieber lese ich Bücher, die mir erklären, woher deine Ansichten kommen und wieso sie auf so fruchtbaren Boden fallen. Diese Bücher nun sagen mir, lieber Thilo, dass du ein recht altes Konzept deiner Nationsvorstellung polemisch und auch etwas dumm in die Welt trägst: Die Idee der deutschen Kulturnation. Nun, ich möchte doch fair sein und dir wohl erklären, was nun das Problem an diesem Konzept ist, welche Gegenkonzepte es gibt und warum du mit deinem Buch wahrhaftig ein Brunnenvergifter bist – ja, mir, die du doch so gerne mögen würdest, alle Grundlage für anständige, gemeinwohlorientierte Politik nimmst. Doch gehen wir ein paar Schritte zurück, denn, obwohl du dich selbst sehr wohl in den Kreis der auserwählten Intelligenzja dieses Landes rechnest, offenbaren doch deine Aussagen gänzlich das Gegenteil, so dass ich mich verpflichtet fühle dir grundlegend zu erklären warum du ein Rassist bist.

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Figuration und Revolution

„Das ist eigentlich mein Ziel: Wie kann man Politik von den großen Worten, von den unwirklichen Idealbildern befreien, die sie heute beherrschen, und sie auf die solide Basis des Verständnisses und der Kenntnis, wie eine Gesellschaft wirklich funktioniert, zurückbringen?“ (Norbert Elias)

Nun denk’, die Piratenwelt steht auf dem Kopf. Apodiktische Beschwörungen folgen einander, die Presse lobt unverichteter Dinge, der Bundesvorstand ist zerissen ob Hahnenkämpfe und Kritik will sich keiner zu eigen machen. Die Einführung des digitalen Meinungsbildungstool Liquid Feedback wurde also erstmal gestoppt – sehr zu meinem Bedauern, war ich doch von Anfang an ein glühender Verfechter, ja bin ein leidenschaftlicher Anhänger der Idee. Und obwohl Liquid Feedback und Liquid Democracy nicht identisch sind, bin und war ich doch gewillt Liquid Feedback als die Gelegenheit der Stunde zu akzeptieren, endlich den Betrieb aufzunehmen und zu gucken, was so passiert. Erst mal Handeln, dann reden. In der Ablehnung manifestieren sich nun verschiedene Problem- und Konfliktlinien: Ideologischer, strategischer und zwischenmenschlicher Natur. Ideologisch spitzen sich die Flügel Datenschutz vs. Transparenz zu, auf der einen Seite die Angst vor dem Anonymitätsverlust im Netz, auch gerade bei politischen Entscheidungen; auf der anderen Seite die Forderung nach totaler Transparenz. Grundlegend sind hier nun die Fragen: Wer handelt politisch? Ab wann handelt man politisch, ja was ist politisches Handeln? Diese Fragen brennen auf der zarten Seele der liquiden Demokratie und beschäftigen die Menschen seit, ja – jeher? Gläserner Staat, statt gläserner Bürger – aber was ist ein einfaches Parteimitglied? Teil des Staates oder Teil der Bürger? Read the rest of this entry »

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Internet und Identität

Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein Zustand unsrer, welcher weiß.
Heinrich von Kleist, Kleist

Was ist eigentlich das Ich? Glaubt man der Wissenschaft, was ja nicht mehr alle zu pflegen tun, so ist eine Ich-Identität das Konglomerat aus Erinnerung, Reflexion und sozialen Bindungen, eine “symbolische Einheit” (Habermas), die mir eine Orientierungslinie, eine Struktur gibt, mit der ich wiederum meine Einzigartigkeit im gesellschaftlichen Kontext herzustellen vermöge, um mir schließlich eine Realitätssicherung vorzugaukeln, kurz: Ich brauche/braucht eine Identität um ein Ich zu haben/sein. Nun ist es zum einen notwendig wie schwierig eine derartige Identität zu finden und zu schaffen, schließlich muss man sich unangenehmen Fragen und darauf folgenden Konsequenzen stellen: Wen oder was mag ich? Was will ich? Wen oder was will ich nicht? Was will ich erreichen? Was nicht? Und warum das alles eigentlich? Grundlegend ergibt sich nun das Problem, dass ich meine Einzigartigkeit, ja dass der Mensch seine Einzigartigkeit, immer und immer wieder bestätigt und gesagt bekommen möchte. (Deswegen soll es Menschen geben, die starke Eifersucht als Ausdruck von Liebe bezeichnen – im Endeffekt wird hier nur die vermeintliche Einzigartigkeit für den Gegenüber geschätzt. Man liebt, dass der andere einen liebt.) Diese kann ich mir nun durch eine transzendentale Idee (zum Beispiel Gott, oder wahlweise auch das Universum), eine Funktion in der Gesellschaft (zum Beispiel Lena-sein) oder eine eigene Identität schaffen – idealer Weise sind die anderen Möglichkeiten mit einer eigenen Identität unterfüttert. Für das Erschaffen einer Identität muss ich jedoch grundlegend verstehen, dass alles subjektiv ist, eine Weltformel nicht existiert und ich alles konstruieren kann, was ich konstruieren möchte.

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Piraten und Geduld

Die Wahl in NRW und der Bundesparteitag sind vorbei. Das Fazit: Schwarz-Gelb ist abgewählt, die Mehrheitsverhältnisse aufgrund einer fünften Fraktion im Landtag sind unbefriedigend, eine große Koalition abzusehen und die politische Arbeit der Piratenpartei reduziert sich (gefühlt?) auf innere Streitigkeiten über Struktur, Programm und die G.-Debatte. Ja, der Spiegel sieht uns gar schon am Ende der Fahnenstange.

Bei den Piraten mögen nun manche enttäuscht sein. Wie auch bei der Bundestagswahl wurde der Parlamentseinzug als Ziel ausgegeben. Die Devise sollte es nicht sein, starke außerparlamentarische Oppositionspartei sein zu wollen, sondern möglichst bald Verantwortung zu übernehmen. Betrachtet man die Ereignisse auf dem Bundesparteitag in Bingen kann man sich nur wundern, woher sich diese Phantasien speisen. Einen neuen Vorstand konnte man geradeso wählen und Liquid Feedback als Meinungsbildungstool auf Bundesebene einführen. Ahja, und die G. – Debatte wurde erneut ausgelöst, die auch von mir weiter getragen wird. Aber ignorieren scheint nicht zu funktionieren. An dem schlechten Ergebnis bei der Landtagswahl ändert das auch wenig. Leider.

Fremd- und Selbstschämen

Denn in der Tat, die 1,5 % Stimmenanteil sind weitaus weniger als sich die meisten Piraten-Sympathisanten vor der Wahl erhofft hatten. Enttäuschend ist dabei weniger das Gesamtergebnis in dem zu Recht als anspruchsvollem Bundesland bezeichneten Nordrhein-Westfalen, sondern viel mehr der Rückgang in Prozenten wie auch in der Gesamtstimmzahl im Vergleich zur Bundestagswahl. Auf sympathisierende Häme und substanzlose Schelte von außen folgten bald Hinweise auf Besonderheiten der NRW-Wahl, sowie viel Kritik an der Wahlkampforganisation, der Rolle des Landesverbands und des NRW-Vorstands im Wahlkampf. Doch trotz der zum Teil sicher auch berechtigten Selbstkritik sollten einige wichtige Faktoren starke Berücksichtigung finden.

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Frauen und Freiheit

„Frauen, wacht auf! Was auch immer die Hürden sein werden, die man euch entgegenstellt, es liegt in eurer Macht, sie zu überwinden. Ihr müßt es nur wollen.”
Olympe de Gouges

Deutsche Parteien haben einen offensichtlichen Frauenmangel – die Piratenpartei ist da keine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel. Schließlich ist es vielsagend, wenn sich die LINKE mit einem Frauenanteil von 39% rühmt. Und nun bin ich doch bei der öffentlich dokumentierten Stellungnahme zu diesem Thema. Aber scheinbar muss auch ich mich dazu äußern – so als Frau.

Doch was hält nun Frauen von der Politik ferner als Männer? Wieso kandidieren bei einer offenen Wahl zum Vorstand der Piratenpartei Deutschland Frauen nur aus Rebellion, ohne Vorbereitung, ohne Ankündigung und nur mit dem Ziel die Debatte über das Thema Gender auch auf dem Parteitag auszukämpfen? Liegt es an den gender-free Toiletten? Liegt es daran, dass Frauen nur als Flirtobjekte in der Piratenpartei gesehen werden und Angst haben zu kandidieren? Liegt es an einem frauenfeindlichen Klima in der Piratenpartei? Liegt es daran, dass wir in einer Gesellschaft leben in der Frauen strukturell diskriminiert werden? Glaubt man den Feminismus-Verfechtern, selbst in unseren Reihen, dann sind es genau diese Faktoren. In Kombination mit der Aussage, die Piratenpartei würde so nie genug Zustimmung bekommen, stellen sich mir folgende Fragen: Sollen wir Frauen zwingen sich für den Vorstand aufzustellen, damit wir eine Frau im Vorstand haben und somit eine breitere Wählerschaft erschließen können? Sollen wir Frauen auf Grund ihres Geschlechts in Positionen bringen, die sie selbst vielleicht gar nicht wollen? War es ein Fehler nicht für den Vorstand anzutreten, weil ich eine Frau bin?

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Wahnsinn und Erkenntnis

„Mir kommen die Wege, auf denen die Menschen zur Erkenntnis gelangen fast ebenso bewunderungswürdig vor wie die Natur der Dinge selbst.” Johannes Kepler

Das Fasten ist offiziell beendet, doch ich habe Gefallen an der Rauschfreiheit gefunden, da ein klarer Geist wahre Wunder bewirken kann – bezogen auf das Erkennen der eigenen Neurosen, aber auch als Chance die eigenen Ziele und Erwartungen disziplinierter und belastungsfähiger umzusetzen. Und so kann ich, weil ich will, was ich muss, wie es Immanuel Kant, heute vor 286 Jahren geboren, auszudrücken vermochte. Doch nicht nur die Fähigkeit meinem eigenen Leistungsdruck zu entsprechen hat mir die Zeit der Besinnung gegeben, vielmehr hat sie mich mit den eigenen Unzulänglichkeiten versöhnt, den Weltschmerz gar gelindert und den jedem Menschen irgendwie inne wohnenden Wahnsinn zu akzeptieren gelehrt. Denn was ist Wahnsinn? Sprachgeschichtlich leitet es sich gar vom althochdeutschen wan (Hoffnung, Erwartung, Glaube) und vom lateinischen vanus, also leer oder mangelhaft, ab, so dass der Wahnsinn auch als falsche Hoffnung, aber auch falsche Erwartung, definiert werden kann. Foucault hat den Wahnsinn dann auch als Brandmarkung des Abweichen von der gesellschaftliche Norm erkannt und so stellt sich unweigerlich die Frage: Ist man nicht auch gerne wahnsinnig? Flüchten wir uns nicht gerne in falsche Hoffnungen, deren Realitätssinn  es anzuzweifeln, jedoch ihre wohltuende Daseinsberechtigung anzuerkennen gilt? Ist es nicht gar notwendig sich dem Wahnsinn ab und an hinzugeben, in diesem normierten und gleichzeitig so fehlerhaften gesellschaftlichen System? Bedeutet Wahnsinn anerkennen und leben nicht auch den Konflikt als gesellschaftlichen Motor, wie es Dahrendorf pointiert, zu verstehen? Macht uns ein wahnsinniges Blitzen in den Augen nicht eben erst attraktiv für unsere Umgebung?

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Sehnsucht und Projektion

So findet alles seinen Ort in der Welt und seine Ordnung; aber diese Technik der Heiligenverehrung und Sündenbockmast durch Entäußerung ist nicht ungefährlich, denn sie füllt die Welt mit den Spannungen aller unausgetragenen inneren Kämpfe.
Robert Musil

Das Fleischfasten ist bedingt erfolgreich – zumindest habe ich bisher kein halbrohes rotes Rinder-Fleisch verzehrt, was das eigentliche Ziel war. Eitelkeit zu fasten war von Beginn an ein mutiges, weil kaum schaffbares, Unterfangen; doch wurde mir Dank dieses Vorhabens einiges klar,  vor allem über meine Mitmenschen und ihre Partnerwahl.

Am Anfang steht wohl der Trieb: Ein Lächeln, der Geruch, ein frecher Satz oder die Tatsache, dass der Gegenüber nicht so reagiert, wie man es gerne hätte, kurz: Ablehnung, stiften Verwirrung und aktivieren die triebhaften Phantasien. Plötzlich ist das neuerliche Objekt der Begierde der Prinz auf dem weißen Roß oder die Prinzessin auf der Erbse, aber auf jeden Fall die Rettung des eigenen Lebensglückes, die Erfüllung aller Träume, die man sich meist jedoch schon seit Jahren in seinem kruden Geiste zusammen gebastelt hat und die wirklich niemals etwas mit der Realität zu tun haben. Stattdessen werden die eigenen Weltanschauungen und Ideen auf das Objekt der Begierde projiziert, welches sich dem eigenen Seelenheil zu verschreiben hat – unabhängig von dem Menschen, der sich hinter der Projektionsfläche zu verbergen scheint. Das eigene Ego stülpt dem anderen ein Sein auf, dass sich nur aus der eigenen Phantasie rekrutiert, so dass abweichendes Verhalten als nicht nachvollziehbar abgewertet wird, als überraschend oder gar verrückt wahrgenommen wird. Wenn der Trieb spricht, hat die Empathie den Mund zu halten. Und so passiert es, dass Liebe gesehen wird, wo keine ist – bedarf wahre Liebe doch immer der Gegenliebe, wie es Schlegel so schön sagt – dass Verlangen erzeugt wird, das niemals erwidert werden kann – sei es nun auf körperlicher oder geistiger Ebene – und dass Herzen gebrochen werden, die eigentlich gar nicht zu brechen sein sollten.

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Evolution und Selbstbezüglichkeit

Was treibt den Menschen an? Nach meinem Blog zu urteilen vor allem die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und der Drang Ewigkeit zu erfahren und zu produzieren, sich seine eigene Existenz in einem höheren, meta-physischen Ordnungsrahmen zu erklären. Bisher habe ich somit einer wesentlichen Antriebsfeder keinen angemessenen Raum zugewiesen: Selbsterhaltung.

Der nicht-humanen Natur unterstellt man immer zu gerne platte rationale Selbsterhaltungstriebe. Gefressen und Gefressen werden scheint die Devise des Tierreichs zu sein, während die Menschen sich mit ihrem Geiste über dies erheben können. Aber tun sie dies auch? Wir haben Techniken entwickelt, die uns von den triebhaften und instinktiven Impulsreaktionen erheben können, die uns die Möglichkeit zur Reflexion und zur Schaffung eines komplexen sozialen Systems geben. Doch nur weil wir die Potenz dafür haben, heißt das noch lange nicht, dass wir diese auch nutzen. Wir können unsere schwachen und vielleicht auch faulen Mitmenschen unterstützen, ihnen Chancen geben, die ihnen die Natur verweigert hat, sie tolerieren und akzeptieren wie sie sind. Wir können es aber auch lassen.

Und so ist die Frage, ob unser soziales Netz nicht de facto doch vom egoistischen Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen dominiert wird, ob das “egoistische Gen” auch uns und die Gesellschaft determiniert. Sollte dies der Fall sein, müssen wir jedoch davon ausgehen, dass die Realität schon dem entspricht, was die Natur unter sinnhaftig versteht, dass die evolutionäre Selektion schon funktioniert, kurz: das wir nichts machen können! So wären wir determiniert, Opfer evolutionärer Mechanismen und willenlos.

Doch ganz so einfach will ich es mir nicht machen. Weder in die deterministische, noch in die existenzialistische Richtung, denn nur weil wir einen freien Willen haben können, heißt das nicht, dass wir nicht evolutionären Mechanismen der menschlichen Kultur ausgeliefert sind bzw., dass wir nicht Kulturtechniken entwickelt haben, die uns bestimmen und die wir letztlich nur durch Selbstreflexion aufheben können. Also muss man auch das “egoistische Gen” angepasst an eine Mittelstellung zwischen Existenzialismus und Determinismus begreifen. So entwickelt der moderne Mensch verschiedene Intensitäten von Selbstbezüglichkeit, die sich zu selbstlaufenden Mechanismen entwickeln können, so z.B. Eitelkeit, oder zu Mechanismen, die durch eine meta-Ebene wiederum selbstbezüglich werden, weil sie in der Reflexion über sich selbst schließlich gewollt und somit bestärkt werden – so z.B. der Hedonismus. Selbstbezüglichkeit kann auch bedeuten, dass ich der Meinung bin, das Universum drehe sich um mich, alles Handeln und Sagen meiner Mitmenschen sei in Verbindung zu mir, auch negativ, was mir wiederum schaden kann. Selbstbezüglichkeit kann auch ein Selbstschutz sein, um mich von der Umgebung abzugrenzen und Ignoranz zu entwickeln. Und so ist die platte Annahme der natürlichen Selbsterhaltung beim modernen Menschen vor allem zur Selbstbezüglichkeit mutiert. Erst wenn der Überlebenskampf wieder notwendig wird, in Form von einem wie auch gearteten Krieg, dreht sich diese Selbstbezüglichkeit wieder in Selbsterhaltung.

Und so bleibt der Existenzialismus ein Anspruch an den Menschen eigenverantwortlich und souverän zu handeln – mit sich im Reinen zu sein und ohne die Abhängigkeit zu anderen Entscheidungen treffen zu können – eben nur ein Anspruch, denn das Überwinden der Selbstbezüglichkeit ist ein langer und harter Weg, den die meisten wahrscheinlich nur mit einem Krieg, und dann auch nur temporär, erreichen werden können.

M.C. Escher - Zeichnende Hände

M.C. Escher - Zeichnende Hände

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Sorgfalt und Selbstkritik

Die gute Nachricht des Tages: Meine Wenigkeit ist nun 4 Wochen rauschfrei und findet es bemerkenswert angenehm, da die innere Stabilität gewahrt, die Launen quasi etwas nivelliert werden und die Belastbarkeit erstaunlich steigt. Und so vermisse ich den Rausch gar nicht! Die Verbesserung der Konzentration und das erhoffte Ansteigen der Sorgfalt blieben bisher nun leider aus und so überflutet mich eine Welle, deren Wucht ich durch meinen Hang zur fehlenden Sorgfalt selbst verursacht habe. Sorgfalt - das Beachten aller wesentlichen Aspekte eines Vorgehens - ist eine wahre Tugend, die wir oftmals vergessen, die sich vielleicht niemals wirklich einbürgerte, deren Bedeutung nie wirklich erfasst wurde. Wenn wir alle der Sorgfalt mehr Tribut zollen würden, wäre die Welt dann nicht vielleicht etwas besser? Wären wir alle mit einem höheren Bewusstsein für Sorgfaltspflicht gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt ausgestattet, so könnten sich viele Probleme in Luft auflösen, würden sie doch, auf Grund fehlender Fahrlässigkeit, gar nicht erst entstehen! Aussagen würden genauer überdacht, ebenso Handlungen, Pläne würden besser überdacht und könnten somit besser in die Tat umgesetzt werden, oder, da sie ja besser durchdacht würden, besser bekämpft werden! Was für eine schöne, neue Welt!

Doch wird dies wohl meinen utopischen Idealvorstellungen vorbehalten sein, gehört doch zum Anspruch der erhöhten Sorgfalt auch ein Funke der Selbstkritik. Nicht, dass selbstkritische Menschen automatisch sorgfältig sind – oftmals ist dies ja ganz das Gegenteil! – und sorgfältige Menschen per se selbstkritisch, aber so bedarf es doch der Reflexionsfähigkeit zu erkennen, wenn man eben nicht sorgfältig ist, so dass erst dann eine Flut der Sorgfalt durch den faulen Geist fließen kann. Und mit Kritik tun wir uns, geht es um uns selbst, sehr schwer, denn wir umgeben uns lieber mit Menschen, die uns gegenüber solidarisch, ja bedingungslos loyal sind, ist es doch einfacher sich mit blinden Anhängern zu kleiden, die jeder Form der Kritik entsagen, um mir zu schmeicheln. Da wird geistige Pluralität zum Feind degradiert und die Gleichschaltung der Gedanken zum Ziel der Kommunikation – letztlich spricht hier nur die Hegel’sche Sehnsucht nach dem Beenden der Widersprüche, nach der Einheit der Welt, kurz: nach dem Finden des Weltgeistes. Doch leben wir in einer dualistischen, ja binären Welt, die aus gegensätzlichen Paaren besteht. Reich ist nicht denkbar ohne arm, schwarz nicht ohne weiß, groß nicht ohne klein und Kritik nicht ohne Selbstreflexion. Eine plurale Gesellschaft nicht ohne Kritik und Konflikte. Und Politik nicht ohne individuelles Versagen.

taz-blog und mein Gang nach Canossa

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